Zehn Zentimeter weniger — und plötzlich größer

SAMSTAG 11:00 → Fotoshooting. Wien.

»Pauline, zieh bitte die Schuhe aus«, sagt der Fotograf mitten im Satz.

»Warum das denn?« frage ich ein bisserl verdutzt zurück.

Er schaut mich nur kurz an und sagt: »Weil du mit Schuhen eine andere bist.«

Bäm. Mitten ins Schwarze. Das anerkannte Krönchen der Business Queen: High Heels.

Die Maske, die zum Gesicht wird

Wir alle ziehen uns jeden Morgen an, als würden wir für eine Premiere im Burgtheater proben. Der Blazer sitzt perfekt, die Haltung ist auf Erfolg getrimmt und das Lächeln wirkt so professionell wie ein geprüfter Jahresbericht. C.G. Jung nannte das die Persona. Diese Maske ist im Grunde nichts Schlechtes — sie ist ein Werkzeug, das uns hilft, in der Welt zu funktionieren. Das Problem ist nur: Irgendwann sitzt das Ding so gut, dass wir glatt vergessen, dass wir es überhaupt tragen. Wir halten das Kostüm für unsere echte Haut.

Zehn Zentimeter weniger — und plötzlich ganz viel mehr

Da saß ich nun auf diesem Hocker. Ohne meine üblichen zehn Zentimeter »Management-Höhe«. Da war nichts mehr zwischen mir und dem Boden, nichts zwischen meiner Ausstrahlung und der Linse. Es fühlte sich im ersten Moment nackt an. Ehrlich. Fast schon ein bisserl schutzlos.

Die Persona ist nicht der Feind — das ist ein häufiges Missverständnis. Sie ist nützlich, wie ein guter Mantel im Wiener Märzwind. Gefährlich wird es erst durch die Verwechslung: Wenn du nicht mehr weißt, wer du eigentlich bist, wenn der Blazer am Haken hängt, der Titel nicht mehr im Raum steht und die künstliche Höhe wegfällt. Wenn du dich fragst, was von dir übrig bleibt, wenn die »Performance« Pause hat.

Der Moment, vor dem wir am meisten Bammel haben

In meiner Praxis ist das genau der Punkt, vor dem die meisten Klienten die größte Angst haben. Es ist nicht die große analytische Erkenntnis oder der Blick in den »Schatten«. Es ist dieser ganz leise Moment, in dem die Maske runtergeht und man merkt: Da drunter wohnt jemand, den man selbst schon seit Jahren nicht mehr so richtig besucht hat. Ein desorientierendes Dilemma par excellence.

Barfuß zu sein ist das genaue Gegenteil von Schwäche. Es erfordert viel mehr Rückgrat, ehrlich auf dem Boden zu stehen, als sich auf hohen Absätzen zu verstecken. Es ist der Schritt weg von der emotionalen Performance hin zu echter Präsenz.

Dein Reflexions-Tool

Wann hast du zuletzt die Schuhe ausgezogen — im übertragenen Sinn? Hat es sich befreiend angefühlt oder eher bedrohlich, so als würde dir jemand den Boden unter den Füßen wegziehen? Falls es bedrohlich war: Was genau hast du befürchtet? Und Hand aufs Herz: Ist diese Befürchtung jemals wirklich eingetreten?

Espresso danach. Schuhe wieder an. 4-4-6.

Ruth Pauline Wachter

RE-ACT Consulting ist ein eingetragenes Einzelunternehmen, das seit 2012 von Mag. Ruth-Pauline Wachter für den Zweck der Unternehmensberatung und psychosozialen Beratung genutzt wird. RE-ACT Consulting hat als Firmensitz Niederösterreich (2440 Gramatneusiedl) ins Firmenbuch eingetragen. Die operative Betriebsstätte ist in 1120, Wien.

http://www.rpwachter.com
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