Ruine versus Baustelle

SAMSTAG 16:45 → Irgendwo in Wien. Definitiv nicht mein Büro.

Der Raum riecht nach feuchtem Staub, altem Eisen und der Kälte, die durch die kaputten Fensterscheiben kriecht. Wo früher Arbeitspläne hingen wie heilige Relikte der Effizienz, prangt heute ein wildes Graffiti. Zwischen zerbrochenen Glasbausteinen und verlassenen Holzpaletten liegt eine Stille, die schwerer wiegt als die staubigen Aktenberge in meinem alten Kontor. Es ist eine Kulisse wie aus einem Endzeitfilm — man wartet fast darauf, dass der Regisseur »Cut!« ruft.

Der Blick in den trügerischen Spiegel

Wenn ich mich hier umsehe, sehe ich den Zustand vieler Menschen, die zu mir kommen. Nur sieht man es ihnen von außen nicht an. Da sitzt der Mantel wie angegossen, die Haltung ist so unerschütterlich wie die Grundfesten der Hofburg. Aber im Inneren? Eine Industrieruine. Was früher mal wie ein Schweizer Uhrwerk funktioniert hat, rattert und quietscht heute nur noch mühsam vor sich hin.

Ruine vs. Baustelle: Warum »vertraut« nicht gleich »gut« ist

Der einzige Unterschied zwischen einer Ruine und einer Baustelle ist eine einzige, mutige Entscheidung.

Reparieren ist die Komfortzone. Man kennt die Risse in den Wänden, man weiß genau, welche Tür klemmt und wie man den Mangel geschickt übertüncht. Es ist wie bei einer prachtvollen Wiener Mietskaserne: Von außen wunderschön, aber die Leitungen sind noch von 1920 und drohen jeden Moment zu platzen.

Hier meldet sich dein Autopilot mit seiner veralteten Karte. Er raunt dir zu: »Bleib lieber hier, hier ist es wenigstens vertraut.« Aber »vertraut« ist eben nicht dasselbe wie »gut«. Neu bauen bedeutet, das Zepter selbst in die Hand zu nehmen und alles Vertraute loszulassen, um Platz für etwas Echtes zu schaffen. Es ist der Wechsel vom reinen Überlebensmodus in die bewusste Gestaltung.

Der Moment des Umbruchs

Meine Klienten kommen genau dann bei mir an, wenn aus dem ewigen »Ich halte das schon noch irgendwie aus« ein klares »Ich will das jetzt anders« wird. Das ist der Augenblick, in dem wir die Ruine offiziell zur Baustelle erklären.

Und ja, ich gebe es zu: High Heels auf morschen Holzpaletten sind verdammt unbequem. Aber Transformation ist es am Anfang auch. Du bekommst staubige Schuhe und vielleicht auch den einen oder anderen Kratzer ab, aber dafür baust du auf einem Fundament, das wieder trägt.

Dein Reflexions-Tool

Wo in deinem Leben bist du gerade nur am Reparieren und Flicken, obwohl du längst weißt, dass ein kompletter Umbau fällig wäre? Was genau hält dich in deiner Ruine fest? Und welchen ersten Stein müsstest du heute abtragen, um wieder Licht in den Raum zu lassen?

Beobachtung notiert. Espresso Nummer drei. Staub auf den Schuhen. 4-4-6.

Ruth Pauline Wachter

RE-ACT Consulting ist ein eingetragenes Einzelunternehmen, das seit 2012 von Mag. Ruth-Pauline Wachter für den Zweck der Unternehmensberatung und psychosozialen Beratung genutzt wird. RE-ACT Consulting hat als Firmensitz Niederösterreich (2440 Gramatneusiedl) ins Firmenbuch eingetragen. Die operative Betriebsstätte ist in 1120, Wien.

http://www.rpwachter.com
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